CLOPPENBURG/STAPELFELD – 90 Jahre ist es her, dass der Widerstand der Menschen im Oldenburger Münsterland gegen die Nationalsozialisten Geschichte schrieb. Der „Cloppenburger Kreuzkampf“ von 1936, bei dem tausende Gläubige den Gauleiter Carl Röver niederschrien, um den Verbleib der Kreuze in Schulen zu erzwingen, bildet 2026 den Rahmen für eine besondere Reflexion. Zum Auftakt der Matinee-Reihe „Kreuzes-Anstöße“ konnte die Katholische Akademie Stapelfeld (KAS) nun einen der profiliertesten Theologen der Gegenwart begrüßen: Prof. Dr. Michael Seewald.

Akademiedirektor Pfarrer PD Dr. Marc Röbel und die neue Theologiedozentin Stefanie Röhll hießen den Gast aus Münster willkommen. Seewald, der erst im vergangenen Jahr mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2025 – dem „deutschen Nobelpreis“ – ausgezeichnet wurde, entfaltete in seinem Vortrag „Die Crux mit dem Kreuz“ eine faszinierende Perspektive auf ein Symbol, das heute oft als selbstverständlich wahrgenommen wird.

Vom Wort zum Bild: Eine radikale Symbolgeschichte

Seewald schlug den Bogen von den Anfängen des Christentums bis in die Gegenwart. Überraschend für viele: Das Kreuz war für die frühen Christen keineswegs ein visuelles Logo. „Am Anfang stand nicht das Bild, sondern das Wort“, verdeutlichte Seewald. Erst mit der Konstantinischen Wende und Ereignissen wie der Schlacht an der Milvischen Brücke wandelte sich das Marterwerkzeug zum Siegeszeichen und schließlich zum zentralen Symbol der Kirche.

Dabei ist die Bedeutung des Kreuzes in der DNA des Glaubens tief verwurzelt. Seewald pointierte, dass die Evangelien im Kern als Passionsgeschichten mit „ausführlicher Einleitung“ zu lesen seien. Auch im berühmten Philipperhymnus werde das menschliche Leben Jesu fast übersprungen, um die entscheidende Pointe zu setzen: den Gehorsam „bis zum Tod am Kreuz“.

Das Kreuz als „Alternative Gottes“

In einer Zeit, in der religiöse Symbole oft politisch instrumentalisiert oder oberflächlich wahrgenommen werden, plädierte Seewald für eine theologische Rückbesinnung. Das Kreuz sei kein bloßes Dekor, sondern ein radikaler Kontrapunkt zu gesellschaftlichen Machtansprüchen. Es stehe für die „Alternative Gottes“ in einer Welt, die oft nach anderen Gesetzmäßigkeiten funktioniere.

Akademiedirektor Marc Röbel unterstrich die Aktualität dieses Ansatzes: Gerade angesichts von Rechtspopulismus und Ausgrenzung sei die Auseinandersetzung mit dem Kreuz als Symbol der Menschlichkeit und des Widerstands gegen Unrecht heute so wichtig wie vor 90 Jahren.

Das große Interesse an der Matinee zeigte, dass die Fragen nach der Bedeutung christlicher Impulse für die heutige Gesellschaft lebendiger sind denn je. Die Reihe „Kreuzes-Anstöße“ wird in den kommenden Wochen fortgesetzt.

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